Wie nachhaltig ist die energetische und stoffliche Nutzung biogener Ressourcen?

Podiumsdiskussion zur EU-Bioökonomie-Politik

 am 03.04.19 in Freiburg

Für den 3. April 2019 hatte die Freiburger Agrofuelgruppe „Energiehunger – Nein Danke!“ (EHND) im Vorfeld der Wahlen zum EU-Parlament Vertreterinnen und Vertreter des Parteienspektrums zu einer Diskussion über die Bioökonomiepolitik der Europäischen Union am Beispiel der Palmölimporte eingeladen gehabt. Dabei waren sich alle DiskussionsrednerInnen auf dem Podium einig, dass es sich bei der energetischen und stofflichen Nutzung von Biomasse um „eine ganz schwierig zu beantwortende Frage“ handeln würde. Nachstehend wird der Diskussionsverlauf dokumentiert.

Veranstaltungsplakat
Veranstaltungsplakat

Die Moderatorin, Martina Backes von EHND und Redakteurin der „blätter des iz3w“[1] betonte zunächst in ihrer kurzen Einführung, dass es bei der Veranstaltung nicht nur um Palmöl gehen würde. Thema sei übergeordnet die eskalierende Flächenkonkurrenz zwischen allen Biomassen, die energetisch, stofflich sowie als Lebensmittel- und Futterpflanzen genutzt würden.

„Nur Soja, Soja, Soja“

Nach der kurzen Einführung gab Wolfgang Hees als Biobauer vom Kaiserstuhl[2] einen ersten Input in das Thema der Diskussionveranstaltung. Hees, der auch die Kleinbauern in Deutschland und in Brasilien vertritt[3], kritisierte, dass sich die Agroökonomie „als neuer Heilsbringer in der Klimakrise“ präsentieren würde. Tatsächlich gehe es in der Agroökonomie um den flächendeckenden Einsatz von Pestiziden, Big Data, Großbewässerung und Gentechnik. Verbunden damit sei die Vertreibung und Ruinierung der Kleinbauern. Das Ausmaß der Monokulturen in Brasilien sei zu erahnen, wenn man sich eine Fahrt von Freiburg nach Heidelberg vorstelle: Über die gesamte Fahrstrecke hinweg kein Baum –  nur noch Zuckerrohrplantagen und alle 50 bis 80 km eine große Destille zur Verarbeitung des Zuckerrohrs. Und in anderen Regionen „nur Soja, Soja, Soja“. Das pestizidbelastete Öl bleibe in Brasilien, der Eiweißkuchen werde u.a. nach Europa als Tierfutter für die Massetierhaltung exportiert.

Die ehemalige brasilianische Gesetzgebung habe dazu geführt, dass besetztes Land unter den Kleinbauern aufgeteilt worden sei. Die Kleinbauern hätten das Privileg gehabt, prozentual mehr Urwald roden zu dürfen als die Großagrarier. Das damalige Modell habe aber nur wenig an der faktischen Knechtschaft der Kleinbauern geändert. Die Verhältnisse seien damals schon schlimm gewesen. Aber unter der Herrschaft des neuen rechtsgewirkten Regierungschefs sei es noch schlimmer geworden: Die Erfolge der Landlosenbewegung seien ausgelöscht worden. Erwähnenswert sei, dass die Flächenproduktivität von Kleinbauern deutlich höher als von Großfarmern sei.

Nach der Schilderung der Verhältnisse in Brasilien wandte sich Hees der Situation der Kleinbetriebe in der EU zu: In der EU führe die Agrarpolitik ebenfalls zum Ruin der Kleinbauern. Die großen Player seien die Landmaschinenhersteller, die Agrarrohstoffhändler und die Düngemittelindustrie. Und diese Konzernagglomerate seien auch die Treiber, die hinter der „Bioökonomie-Politik“ der EU stehen würden.

„Der Druck der NGOs beginnt zu wirken“

Selwyn Moran gab als zweiter Inputgeber anschließend kurz ein „Update on Palm Oil, Industry in Indonesia“ am Beispiel von Westpapua. Martina Backes erläuterte aber zunächst die politisch heikle Lage in Westpapua aufgrund der Repression der indonesischen Regierung. Selwyn Moran präsentierte sodann eine Karte von Borneo und der sich dort ausbreitenden Palmölplantagen. Im benachbarten Papua expandiere auf noch niedrigem Niveau ebenfalls der Anbau von Ölplantagen – allerdings seien für ein vielfach größeres Gebiet schon Konzessionen vergeben. Die fortschreitenden Waldverluste seien zwar seit 2016 geringer geworden, seien aber immer noch erschreckend hoch (2017 nach einem Peak zurück auf dem Niveau von 2012). Papua sei einer der größten Standorte von noch erhaltenem Tieflandprimärregenwald. Moran erklärte anschließend, warum sich das Tempo der Ausbreitung der Plantagen abgeschwächt habe. Das habe mehrere Ursachen. Ein Grund sei die „Nachhaltigkeitspolitik“ der großen Lebensmittelkonzerne, ähnlich sei es bei den großen Palmölhandelsgesellschaften. Der Druck der NGOs auf die Konzerne beginne zu wirken.

Aber wie kommt „deforestation-linked palm oil“ trotzdem in die Lieferketten. Das laufe beispielsweise über „Shadow companies“, die sowohl zertifizierte als auch nicht zertifizierte Plantagen betreiben. Dabei spiele Korruption eine wesentliche Rolle.

Die Politik Indonesien habe zum Regenwaldschutz 2011 ein Moratorium erlassen, das aber auf vielerlei Wegen unterlaufen werde. Die bis jetzt erreichten Erfolge bei der Verlangsamung der Regenwaldrodung seien noch sehr fragil. Der Druck der NGOs und anderer Institutionen müssten aufrechterhalten werden, um die Erfolge zu stabilisieren.

„Es wird wehtun“

Nach der von Moran gegebenen Übersicht über den Palmölanbau in Papua erläuterte Backes die Verschiebung durch die indirekten Landnutzungsänderungen (ILUC). Der ILUC-Effekt führe dazu, das „Biodiesel“ eine bis zu dreimal schlechtere THG-Bilanz aufweise als konventioneller Diesel.

Als erster Parteienvertreter kam Jérôme Charles Brunelle zu Wort. Der SPD-Kandidat für das EU-Parlament gestand zu, dass er „Panik“ angesichts der unzulänglichen Klimapolitik bekomme – vor allem dann, wenn er über die Zukunftschancen seines sechsjährigen Sohnes nachdenke. Das E10 habe er zunächst auch „als Supersache“ eingestuft. Dann sei aber die Problematik von „Biosprit“ mehr und mehr deutlich geworden. Der von ihm jetzt vertretene Ansatz würde „weh tun“: Es gehe nämlich um die Bepreisung von CO2. Das werde zu höheren Benzinpreisen führen. Sein Credo: Biomasse solle nicht verbrannt werden. Überhaupt sollte energetisch nutzbare Biomasse nicht länger in die EU importiert werden. In seiner Heimatstadt Horb arbeite man auf eine CO2-freie Kommune hin. Das bedeute schmerzhafte Einschnitte.

Die skeptische Zwischenfrage der Moderatorin: „Eine Milliarde Autos wollen betankt werden – reicht da eine CO2-Bepreisung?“ Die Antwort von Brunelle: Wir werden einfach weniger Autos brauchen. In den urbanen Zentren bestehe ein Minderungspotenzial von 80 bis 90 Prozent. Freiburg sei da schon ganz gut auf dem Weg, so der Eindruck des Horber SPD-Politikers. Man müsse wegkommen vom Verbrennungsmotor. Eine der Ursachen der unzulänglichen Klimaschutzpolitik: „Alle machen sich Sorgen – aber keiner will mit dem Umsteuern bei sich anfangen.“

Der „Delegierte Rechtsakt“ als „Witz“

Sophie Schwer von den GRÜNEN wurde von der Moderatorin nach dem kürzlich abgeschlossenen Freihandelsabkommen der Schweiz mit Indonesien gefragt. Welche Rolle habe dabei das Palmöl gespielt? Der Hintergrund der Frage: Die EU strebe ebenfalls ein Freihandelsabkommen mit den ASEAN-Staaten an. Dabei würden die Palmölimporte von Indonesien und Malaysia einen der strittigen Verhandlungspunkte spielen. Schwer berichtete zunächst, dass die Verwendung von Palmöl zur Agrodieselproduktion in der Schweiz keine Rolle spielen würde. Aus Schweizer Sicht gehe es überwiegend um den Palmöleinsatz im Lebensmittel- und im Kosmetik-Sektor. In der Schweiz herrsche der Eindruck, dass bei den Verhandlungen zu einem Freihandelsabkommen Indonesien wesentliche Zugeständnisse gemacht habe.

Die Nachhaltigkeit beim indonesischen Palmölanbau habe aber noch Luft nach oben und lasse sich nicht verlässlich überprüfen. Bemerkenswert sei, dass Norwegen Vorreiter bei einem Ausstieg aus der energetischen Verwertung von Palmöl vor 2030

sei. Dies sei deshalb bemerkenswert, weil in der EU ein Phasing-out erst für 2030 vorgesehen sei. Der „Delegierte Rechtsakt“ mit der Privilegierung von Kleinerzeuger-Palmöl sei nach Ansicht von Schwer „ein Witz“. Ihre Partei würde dies allerdings differenzierter sehen.

Im Hinblick auf Malaysia müsse man konstatieren, dass dort nach 20 Jahren Anbau von Palmöl die Böden zerstört seien. Dies liege u.a. an der starken Erosion in den Plantagen. Auf den degradierten Böden könne man nicht anderes mehr anbauen. Schwer konstatierte ferner eine 100prozentige Abhängigkeit der Kleinbauern von den großen Plantagenkonzernen. Unser idealistisches Bild von den Kleinbauern sei „eine Illusion“, so die Bewertung von Schwer, die für die schweizerische Tropenwaldschutzorganisation „Bruno-Manser-Fonds“ arbeitet und aktuell für den Freiburger Stadtrat kandidiert.

„Wettbewerb und Technologieoffenheit sind die Problemlöser.“

Die Moderatorin wandte sich als nächstes Marianne Schäfer zu. Die FDP-Politikerin kandidiert sowohl für den Freiburger Gemeinderat als auch für das EU-Parlament. Schäfer betonte, dass Wettbewerb und Technologieoffenheit  für die FDP die Problemlöser seien, um eine Dekarbonisierung des Wirtschaftswachstums zu erreichen. Die Bioökonomiepolitik der EU sei zu begrüßen, wenn sie „mit einer ehrlichen CO2-Bilanz“ unterlegt würde. Der Einbezug von ILUC würde dabei „ja schon in der EU praktiziert“. Backes insistierte, dass die planetarischen Grenzen eine Biomasseverwendung „für alles“ nicht zulassen würden. Schäfer verwies erneut auf die Bedeutung der Technologieoffenheit und strich die Effizienz von Palmöl mit seiner hohen Flächenproduktivität heraus. Wesentlich sei, dass die Biomasse im allgemeinen und das Palmöl im besonderen ökologisch verträglich angebaut werden müsse.

„Wir Bauern haben die geringste Macht.“

Martin Linser, Landwirt in Opfingen und Kandidat zum Freiburger Gemeinderat auf der CDU-Liste wurde von der Moderatorin gefragt, ob denn heimisches Rapsöl besser sei als südostasiatisches Palmöl? Der Winzer und Spargelanbauer erwähnte zunächst, dass der vielfach genannte virtuelle Wasserverbrauch für Palmöl de facto keine Rolle spiele. Palmölplantagen würde auf ehemaligen Regenwaldflächen stehen – und dort würde es, wie der Namen schon sagt, ausreichend regnen. Eine künstliche Bewässerung sei damit nicht erforderlich.

Der ökologische Vorteil von Raps sei, dass Raps als einjährige und nicht mit sich selbst verträgliche Kultur auf einen ständigen Fruchtwechsel angewiesen sei. Demgegenüber wären die Palmen in den Palmölplantagen eine Dauerkultur – ähnlich wie hierzulande der Obst- und Weinbau. Der Anbau von Raps sei in Deutschland zurückgegangen, weil wichtige, rapsrelevante Insektizide nicht mehr zur Verfügung stehen würden.

Linser führte des Weiteren aus, dass es in den Nullerjahren durch die Biogasförderung eine Aufbruchstimmung in der deutschen Landwirtschaft gegeben habe. Der intensivierte Maisanbau für die Biogasanlagen habe aber die Pachtpreise nach oben getrieben. Die vielerorts zu beobachtende „Vermaisung“ sei in Südbaden wegen dem Maiswurzelbohrer jedoch im Rückgang begriffen.

Bei vielen Einsatzzwecken sei die Verwendung von Raps aufgrund der niedrigen Palmölpreise nicht lohnend. Generell würde das Preisniveau von den großen Vermarktern bestimmt. „Wir Bauern haben die geringste Macht. Als südbadischer BLHV[4] sehen wir uns verwandt mit der Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft.“ Im Gegensatz zu den großen Landwirtschaftsbetrieben im Norden und Osten herrsche in Südbaden und auch in Baden-Württemberg insgesamt noch eine kleinparzellierte Landwirtschaft vor.

Geschädigt werde die Landwirtschaft aber auch in Südbaden, weil es bundesweit jeden Tag zu einem Verlust von Ackerland in der Größenordnung von 60 ha komme.  Hinzu komme ein Verlust von Flächenproduktivität durch die gesellschaftlich erwünschte Extensivierung der deutschen Landwirtschaft. Das alles führe letztlich zu einem globalen ILUC. „Der Kuchen wird immer kleiner – zugleich müssen immer mehr Menschen mit ausreichend Nahrung versorgt werden“, so „die große Sorge“ von Linser.

Karin Binder, ehemalige Bundestagsabgeordnete für die LINKE, wurde gefragt, ob sie als Mitglieder der „Ökologischen Plattform“ in der LINKEN dafür plädieren würde, die Biomasse-Importe in den EU-Wirtschaftsaum einzuschränken? Binder forderte zunächst, dass die Beimischungen von „Biosprit“ und „Biodiesel“ bei den fossilen Treibstoffen gestoppt werden müssten. Die Antwort: Es sei schon schlimm genug, dass fast in allen Lebensmitteln Palmöl enthalten sei. Das sei schon deshalb ärgerlich, weil unsere Pflanzenöle physiologisch weit besser seien als Palmöl. Die Moderatorin, Martina Backes, fragte nach, wie man denn den Deckel auf die Palmölimporte bekomme?

Binder kritisierte, dass „immer in der EU zu Gunsten der großen Konzerne Hintertüren geöffnet“ würden. Und jedes Freihandelsabkommen würde die Privilegierung der Großkonzerne noch vergrößern – was letztlich den KMU-Betrieben schaden würde. Die Bevorzugung der Großkonzerne würde auch zu großflächigen Monokulturen führen, weil die großen Agrarkonzerne eben nur groß denken und handeln könnten.

Binder forderte, dass die EU dabei behilflich sein müsse, sowohl hier als auch im Globalen Süden regionale Kreisläufe zu schließen. Die Biomasse müsse regional verwendet werden – statt die Biomasse über die halbe Welt zu verschiffen. Es sei pervers, „dass man jetzt sogar den Diesel wachsen“ lasse. Dabei sei Energiesparen die einzig wirkungsvolle Alternative. Der Individualverkehr sei nicht nur wegen des Verbrennungsmotors an seine Grenzen gestoßen. Der ÖPNV müsse bis hinein in den ländlichen Raum stark ausgebaut werden. Und im Hinblick auf die stoffliche Nutzung von Biomasse sei es das Gebot, zum Ressourcenschutz langlebige Produkte statt immer mehr Wegwerfprodukte herzustellen.

Der SPD-Politiker Brunelle wandte sich gegen eine zu scharfe Schelte gegenüber der EU. Immerhin sei die EU „ein Friedensprojekt“„davor gab es mindestens 1000 Jahre Krieg“. Wichtig sei, dass sich die EU jetzt endlich mal um eine einheitliche Besteuerung in Europa kümmern müsse – damit auch die Großkonzerne ihrer sozialen Verantwortung für das Gemeinwesen gerecht werden. Dass auch im ländlichen Raum der Bus alle halbe Stunde fahre – wie von Binder gefordert -, sei nicht bezahlbar. „Aber in 10 bis 15 Jahren werden wir dort autonome fahrende Kleinbuse haben“, so die Vorhersage von Brunelle.

Ist „Biokerosin“ die Lösung?

Sophie Schwer bezog sich anschließend auf den künftigen Biomassebedarf des Flugverkehrs, um mit „Biokerosin“ den Anstieg der flugverkehrsbedingten Treibhausgasemissionen zumindest abzubremsen: Beim Flugverkehr sei „ein starkes Signal“ vonnöten, „weil der freie Markt das nicht regelt“. Brunelle missfiel der hohe und ständig steigende Energiebedarf des Flugverkehrs ebenfalls – er verwies aber auch darauf, dass preisgünstige Luftverkehrsticket politisch erwünscht waren: „Billiger Flugverkehr, damit sich die Völker kennenlernen.“

Backes fragte erneut, ob der Einsatz von Biomasse im Luftverkehr tatsächlich eine Lösung sein könne? Brunelle forderte daraufhin, dass Fliegen teurer werden müsse – dann würde auch weniger geflogen. Das sei aber seine eigene Meinung und nicht unbedingt SPD-Linie. Hoffnungen setzte der EP-Kandidat in Kreuzfahrtschiffe mit Hybridantrieb. Das habe den großen Vorteil, dass der Dieselmotor gleichmäßiger laufen würde, so dass schon über diesen Weg eine Treibstoffersparnis möglich wäre.

Binder von der LINKEN plädierte für den Einsatz von biomassebasierten Treibstoffen im Luft- und Schwerlastverkehr, um damit auch den Schadstoffausstoß in diesen Sektoren zu reduzieren. Aber wesentlich sei, den Welthandel insgesamt zu reduzieren, um den Treibstoffverbrauch signifikant reduzieren zu könnwn. Binder betonte, dass wir bei den vermeintlich niedrigen Transportkosten die ganzen daraus resultierenden Umweltschäden mitbezahlen müssten. Wichtig war der ehemaligen Bundestagsabgeordneten und verbraucherpolitischen Sprecherin ihrer Fraktion auch der Hinweis, dass die hiesigen Konzerne endlich Verantwortung in der Lieferkette übernehmen müssten. Da sei die EU gefragt, die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Schäfer von der FDP sah demgegenüber Chancen im elektrischen Flugverkehr.

„Ohne Verzicht geht es nicht!“

In der sich anschließenden Fragerunde für das Publikum, wurde gefragt, warum E10 mit seinem höheren Biomasseanteil preisgünstiger sei als E5? Dies würde an der Subventionierung von E10 liegen, so eine Antwort. Brunelle wurde mit Verweis auf den „Gelbwesten-Aufstand“ gefragt, wie er denn gewährleisten wolle, dass die Verkehrswende sozial gerecht gestaltet würde. Die Antwort des SPD-EP-Kandidaten: Das Geld aus den erhöhten Treibstoffpreisen müsse an die Sozialbenachteiligten zurückfließen, damit sie sich beispielsweise ein E-Auto leisten könnten.

In einem weiteren Publikumsbeitrag wurde hervorgehoben, dass „nachhaltiges Palmöl“ im größeren Umfang gar nicht realisierbar sei. Da ganz viele Interessengruppen hinter der stofflichen und energetischen Nutzung von Biomasse her seien, würde weltweit nicht annähernd genügend Biomasse zur Verfügung stehen, um alle Bedarfe zu decken. Die Antwort von Sophie Schwer: „Ohne Verzicht geht es nicht!“

Einem anderen Diskussionsteilnehmer aus dem Publikum war es wichtig, auf die fortschreitende Spaltung der Gesellschaft hinzuweisen. In dem Zusammenhang müsse unbedingt darüber gesprochen werden, wer bei der Energie- und Verkehrswende verzichten müsse. Denn so wie die Energiewende derzeit eingetütet werde, würde sie die Spaltung der Gesellschaft forcieren. Die Reichen hätten die Knete, um weiterhin ihren viel zu energieaufwändigen Lebensstil zu pflegen.

Ist der „Delegierte Akt“ zustimmungsreif?

Gefragt wurden die Podiumsteilnehmenden, wie sie denn als hypothetische EP-Mitglieder über den „Delegierten Rechtsakt“ mit seiner „Lex Kleinerzeuger“ abstimmen würden. Sophie Schwer von den GRÜNEN antwortete, dass die jetzige Fassung des „Delegierten Rechtsaktes“ schon ein kompliziert ausgehandelter Kompromiss sei. Sie wage von der kommunalen Ebene herkommend nicht, ein letztendliches Urteil auf EU-Ebene abzugeben. Die grüne Kommunalpolitikern warnte vor der Illusion, dass die EU einen relevanten Einfluss auf die Anbaubedingungen und die sozialen Verhältnisse beim Palmölanbau in den südostasiatischen Ländern nehmen könne. Und letztlich sei ihr der Aspekt der Korruption in der Debatte zu kurz gekommen.

Aufgrund seiner engen Zusammenarbeit mit der SPD-EP-Abgeordneten Evelyne Gebhardt[5] wusste Brunelle zu berichten, dass man als MdEP „sehr wenig Spielraum“ habe. Und nach der EP-Wahl am 26. Mai müsse man damit rechnen, dass im EP noch mehr Klimwandelleugner und EU-Feinde vertreten sein werden. „Damit wird es nicht einfacher“, so der SPD-Politiker, der sein hypothetisches Abstimmungsverhalten zum „Delegierten Rechtsakt“ damit aber nicht weiter präzisierte.

Auch Martin Linser blieb zu dieser Frage eher allgemein: Alle neuen Regularien seien immer zu Gunsten der Großen ausgefallen. „Alle wollen nicht verzichten, aber weiterhin genüsslich auf die Landwirtschaft einprügeln.“ Wir würden mit unserer vermeintlichen Ökopolitik weltweit die soziale Spaltung forcieren. Wegen der globalen Auswirkungen gehe das aber nicht so weiter, so die Meinung des Opfinger Ortschaftsrates.

Schäfer von der FDP vertrat die Auffassung, dass gegen den „Delegierten Rechtsakt“ kaum etwas einzuwenden sei – vorausgesetzt, dass eine wirkungsvolle Kontrolle möglich sei und keine Hintertüren geöffnet würden. Die FDP-EP-Kandidatin sprach sich ferner dafür aus, beispielhafte Anbauprojekte auf Borneo finanziell zu fördern. Wichtig sei es auch, sich beim Konsumverhalten an die eigene Nase zu fassen. Und was die Frage nach einer Abschaffung von Subventionen auf fossile Energieträger betreffe, sei man bei der FDP an der richtigen Stelle.

Binder drückt die Hoffnung aus, dass die GenossInnen im EP den „Delegierten Rechtsakt“ ablehnen werden. Sie sei nicht für eine pauschale Abschaffung aller Subventionen. Es müsse darum gehen, die falschen Subventionen abzuschaffen. Und der  Emissionshandel mit CO2-Zertifikaten sei von Anfang an „eine Lumperei“ gewesen. Das Mitglied der „Ökologischen Plattform“ in der LINKEN betonte noch einmal, dass es wichtig sei, die Kreisläufe auf der lokalen und regionalen Ebene zu schließen und dass die Konzerne Verantwortung über ihre gesamte Lieferkette übernehmen müssten. Produktion und Konsum von Wegwerfprodukten müssten rigoros eingeschränkt werden, weil da viel zu viel an Energie und Ressourcen dem Müll anheim gegeben würden.

Die Moderatorin, Martina Backes, dankte abschließend der Podiumsrunde und dem Publikum herzlich für die Beteiligung und verteilte Schokolade mit Fairtrade-Bio-Palmölanteil an die mitwirkenden Vertreterinnen und Vertreter der Parteien. In ihrem kurzen Schlusswort betonte Backes, dass die Diskussion gezeigt habe, dass die Namensgebung „Energiehunger – Nein Danke!“ für die Freiburger Agrofuelgruppe mit der Verzichtssymbolik im Namen genau richtig gewesen wäre.

Foto mit Logos
Mitveranstalter der Podiumsdiskussion

 

[1] Von der entwicklungspolitischen Zeitschrift „blätter des iz3w“ liegt ein Sonderheft zur Bioökonomie aus dem Jahr 2018 vor – siehe: https://www.iz3w.org/zeitschrift/ausgaben/368_biooekonomie

[2] Siehe: https://hof-am-dorfbach.de/kontakt

[3] Siehe: https://mstbrasilien.de/

[4] Badischer Landwirtschaftlicher Hauptverband, die südbadische Variante des Deutschen Bauernverbandes (DBV)

[5] Siehe: https://www.evelyne-gebhardt.eu/de/aktuelles.html

 

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